Rarotonga

Neuseeland wird nachgeliefert. Ganz bestimmt, vielleicht ,,X,  ­čÖé

Rarotonga - Dienstag, 26. M├Ąrz bis Donnerstag 11. April 2013

Rarotonga ... Klingt nach Palmen, oder? Nach Str├Ąnden und Atollen und nach bunten Fischen. Nach Drinks mit einer Scheibe Ananas auf den Rand gesteckt. Aber auch nach soetwas wie dem asiatischen Chaos mit Hupkonzerten, schmierigen Fressbuden und dieser angenehmen Langsamkeit und Terminignoranz der Eingeborenen. Mal schauen.

Erstmal hei├čt es: fliegen. Und zwar ├╝ber die Datumsgrenze. Am 26.3. Nachmittags geht es von Christchurch los und am 26.3. um 0:30 morgens komme ich an. Dieser Dienstag sollte 47 Stunden lang sein. Das ist schon ziemlich cool.

Willkommen

Am Flughafen holt mich Doug (Douglas) mit ordentlich Versp├Ątung ab. Terminignoranz: abgehakt. Ich habe mich bei ihm eingemietet; er hat die g├╝nstigste Unterkunft mit Strand auf der ganzen Insel - erstmal f├╝r vier Tage. Er sieht schon etwas abgelebt aus, hat aber auch schon 56 Lenze auf dem Buckel. Auf seinem total abgefuckten Moped orgeln wir die Uferstra├če entlang (32km sind es einmal rum um die Insel) und stoppen an einer Tankstelle. Er linst in den Tank und f├╝llt nur 3/4 Liter Sprit nach. "Pleite", denke ich mir. Er erz├Ąhlt w├Ąhrend der Fahrt alles M├Âgliche: wo er schon war - London, Amsterdam, Neuseeland, Berlin, Sumatra -, und ich merke gleich, dass dieser Vogel eine Energie an den Tag legt, die sicherlich eine lustige Zeit garantieren wird.

An seinem Haus auf der anderen Seite der Insel angekommen, zeigt er mir mein Zimmer und den Rest der Bude. Ich bin etwas geschockt und froh, dass schon durch Indien abgeh├Ąrtet bin. Es ist ziemlich dreckig und chaotisch hier. Dreckiges Klo, schimmlige W├Ąnde im Badezimmer, schmierige Regale in der K├╝che und so weiter. "Vier Tage h├Ąlst du es schon aus", rede ich mir ein.

Dougs Haus

Wir sitzen noch eine Weile drau├čen vorm Haus und unterhalten uns. So bis drei oder vier Uhr morgens ungef├Ąhr. Ich lege mich in meinem Zimmer ins Bett und muss erstmal eine Stelle suchen, auf der man vern├╝nftig liegen kann. Federkern und v├Âllig hin├╝ber.

Als Doug mich am n├Ąchsten Morgen um 7 Uhr weckt, denke ich: "Geht's noch, Alter?" Aber ich stehe trotzdem auf, ├╝berwinde meinen Ekel und nehme eine kalte Dusche. Alles was ich hier in diesem Haus bisher gesehen habe, w├╝rde bei uns in Deutschland schon l├Ąngst auf der M├╝llhalde sein Dasein fristen. Sp├Ąter entdecke ich, das man das ├╝ber nahezu alles in diesem Haus sagen kann. Und ├╝ber das Haus selbst, das Moped und sein Auto.

Strand bei Doug

Doch Doug und ich verstehen uns pr├Ąchtig. Wir haben den gleichen Humor und Musikgeschmack und wahrscheinlich auch den gleichen Kontosaldo; nur seiner hat ein h├Ąssliches Minuszeichen vorneweg. Doug erinnert mich unweigerlich an den Schmock: einen meiner Kumpels back home. Nur dass Doug nicht trinkt und nicht raucht.

seine Schrottkarre

In den n├Ąchsten Tagen ist viel Aktivit├Ąt angesagt. Ich versuche seinen Computer mit einem neuen Windows zu betanken und versaue mir dabei meine SD-Karte. Mist. Er kann nichts installieren, drucken, scannen usw. Wir proben f├╝r seinen Auftritt am Samstag Little Wing und All Along the Watchtower von Jimi Hendrix. Er hat es echt drauf.

Au├čerdem hat er noch einen Gerichtsfall zu ├╝berstehen. Sein Cousin hat einen H├Ąuptlingstitel bekommen und f├╝hlt sich deshalb im Recht, ihm das Grundst├╝ck und das Haus wegzunehmen. Ich drucke ihm ein paar Sachen aus, scanne f├╝r ihn, gebe ihm Tipps und versuche ihn anzustacheln dies und das endlich zu erledigen. Aber nach ein paar Tagen gebe ich es auf. Es bringt nix.

Kokosnuss sch├Ąlen (husking)
Doug probt All Along The Watchtower
Kokosn├╝sse "pf├╝cken"

sch├Ąlen ist gar nicht so einfach
                                                    sch├Ąlen ist gar nicht so einfach

lecker!

Rarotonga ist irgendwie zwiesp├Ąltig. Tolle Sonnenunterg├Ąnge ├╝ber den Bergen, Sonnenaufg├Ąnge ├╝ber dem Meer, tropisch gr├╝n, hei├č und feucht. Echt paradiesisch. Leider auch sehr teuer, weil fast alles von Neuseeland importiert wird und die Korallen sind v├Âllig hin├╝ber. Bis vor ein paar Jahrzehnten haben die Einwohner noch Schweine am Strand gez├╝chtet und die F├Ąkalien haben alles im Meer zerst├Ârt. Dazu noch die ungekl├Ąrten Abw├Ąsser der Leute. Da weint die Koralle.

Jetzt scheint das besser geworden zu sein, man sieht, dass sich das Riff zumindest stellenweise etwas erholt hat und der Fischbestand ist auch ganz ok. Nadelfische (hellblau, 1 Meter lang, 5 cm Durchmesser), Steinfische (giftiger Stachel), Flundern, Papageien-, Admirals- und Regenbogenfische. Krabben, Seeigel, Schnecken, Langusten, Hummerkrabben und so weiter. Und Seegurken in unglaublichen Massen.

Abendstimmung
seine Spamkollektion, 145.000 Mails!

Am Donnerstag dann, mache ich eine 3-4 Stunden Wanderung ├╝ber die Insel. Also mitten durch. Es gibt einen Wanderpfad, der ziemlich steil beginnt und zur Nadel - die Hauptattraktion - herauff├╝hrt. Es ist total schwei├čtreibend. Aber es ist ziemlich gut; nicht mit Neuseeland vergleichbar, aber trotzdem sehr gut.

Dschungel

die Nadel

Inselpanorama

s├╝├╝├╝├č!

Gespensterbaum

Ich komme in Avarua aus dem Dschungel und gucke mir ein bisschen die Hauptstadt an. Alles sehr ├╝bersichtlich.

Souvenirladen

Raro Fried Chicken ­čÖé

Am Karfreitag ist dann Dougs Auftritt beim "Beach Day Out". Eine Art Picknick auf einer Wiese am Strand. Doug war schon ziemlich gut, bei den Proben, aber hier gibt er Alles! Die Leute sind echt begeistert und fangen nach der ersten Zeile, die Doug singt, an zu jubeln.

Andere Leute spielen nat├╝rlich auch: Duelling Banjos, Popsongs, Traditionelles.
Beim Beach Day Out

Beim Einkaufen merke ich, wie pleite Doug wirklich. Er kauft abgelaufene Sachen, wo es nur geht. Und wir "besorgen" Obst bei Bekannten auf der Insel. An manchen Tagen kommt er mit einem breiten Grinsen und einer gro├čen Bananenstaude nach Hause. Viele Leute auf Rarotonga ernten die ganzen Bananen, Kokosn├╝sse, Brotfr├╝chte, Guaves, Sternfr├╝chte, Limonen, Mangos und Passionsfr├╝chte ├╝berhaupt nicht, die einfach so for free in ihren G├Ąrten wachsen. Sie fressen lieber den Schrott aus dem Supermarkt. Dementsprechend fett sind sie auch. Doug macht das schon ganz richtig und es ist einfach leckerer!

Bananenstauden
mein neuer Favorit: Sternfrucht! Saftig, fleischig. Nicht so dr├Âge, hart und geschmacksneutral wie in Deutschland.
fette Seegurke
Meeresschnecke

Am Samstag ist Markttag und wir packen seinen Stra├čenstand ein und bauen ihn in abgespeckter Version auf. Dummerweise sind wir erst um 10:00 dort, weil er morgens unbedingt noch ein neues Produkt "entwickeln" musste: Kokosnusshotdogs. Leider l├Ąuft das nicht wirklich gut und wir verkaufen nur 4 Hotdogs verschenken die restlichen 16. Ach ja, er verkauft Coconut-Candy in verschiedenen Geschmacksrichtungen, Pizza on the Beach und Shakes. Es l├Ąuft auch an seinem Stand an der Stra├če vorm Haus nicht allzu gut. Die Sahne f├╝r die Shakes ist seit drei Wochen abgelaufen - geht aber noch.

Kokosnusshotdogs
Verkaufsgespr├Ąch
Tanzvorf├╝hrungen auf dem Markt. Die Musik ist echt der Hammer!
Stra├čenstand

Auf der R├╝ckfahrt vom Markt nehmen wir eine Stra├če durch's Hinterland. Ein schwarzes Schwein rennt und vorne ins Auto, macht ein paar Purzelb├Ąume und rennt dann davon! Ob das Auto was abgekriegt hat, kann man einfach nicht herausfinden. Wenn man nach einer 5 x 5 cm gro├čen Stelle sucht, die nicht kaputt ist, ... man wird nicht f├╝ndig. Alles ist verkratzt, rostig, gespachtelt. Bei der Fahrt f├Ąllt einem Rost auf den Scho├č, die Sitze sind hin├╝ber, wenn man die Fahrert├╝r ├Âffnet, sackt sie erstmal 20 cm ab. Auf dem Beifahrersitz muss man mit offener T├╝r fahren, sonst erstickt man vor Hitze, denn die Scheibe l├Ąsst sich nicht runterkurbeln.

Das eine Vorderrad ist locker und das Gelenk vom Gleichlauf h├Ârt sich in der Kurve an, als ob jemand gerade zwanzig Mal meine Beine bricht. W├╝rde man mit dieser Karre bei uns beim T├ťV vorfahren, sie w├╝rden sie ungefragt einstampfen und die Polizei w├╝rde dich in Handschellen abf├╝hren. F├╝hrerscheinentzug und MPU k├Ąmen noch dazu. Als ich das erst Mal selber fahre, steige ich schwei├čgebadet aus. Das ist echt Horror.

Nat├╝rlich fahre ich ohne F├╝hrerschein. Den muss man bei der Polizei in der Stadt f├╝r 20 Dollar machen. Einmal im Kreis fahren und das war's. Das ganze ist eine Abzocke um Geld zu verdienen. Au├čerdem verkaufen sie noch T- und Polo-Shirts: "CIPD - Cook Islands Police Department". Wenn man ohne Helm f├Ąhrt, darf man nur 40 fahren. Mit Helm 50 ­čÖé

what a schrott!
Polizeiwagen

In der Nacht von Samstag auf Sonntag kommen noch zwei deutsche zu Doug. Sie wollen auf "seiner Kokosnussfarm" arbeiten (wwoofing). Es macht jetzt noch mehr Spa├č hier - mit Tara und Norman sind wir jetzt zu viert. Aber die beiden m├╝ssen nat├╝rlich ranklotzen. Kokosn├╝sse sch├Ąlen, knacken, raspeln. Das ist ziemlich anstrengend und er fordert ganz sch├Ân viel von den beiden. Dann wird das geraspelt Zeug mit unendlich viel Zucker bestreut und in den Ofen geschoben. Das verlangt dann auch noch reichlich Aufmerksamkeit, denn die Kokosraspeln verbrennen ruck-zuck.

Und Norman muss jeden Morgen um 6:30 Laub fegen. Mit dem Rasen sind die Raros ziemlich pingelig, es erinnert unweigerlich an englischen Rasen. Norman muss m├Ąhen, aber Doug ist nicht zufrieden. Wie auch? Die Standards sind einfach viel zu hoch. Da kommt ein Deutscher nicht hinterher.
 

wir reparieren ... mal wieder
es gibt definitv schlimmere Arbeitspl├Ątze

Dougs Katze hei├čt Nevada und sie legt ab und zu eine Maus oder Ratte vor die T├╝r. Es knackt ganz widerlich, wenn man aus Versehen auf die Maus drauftritt. Doug wei├č nicht, wieviele H├╝hner er hat, geschweige denn, wo sie ihre Eier hinlegen. Echt ein Chaot.

Nevada - ein kalter Killer mit Hang zu Streicheleinheiten
Maus guckt sich die eigenen Innereien an
REGENBOGEN!

Irgendwann bringen Doug und ich seinen Wagen mal wieder zu Puna, dem Automechaniker. Und dann versuchen wir eine Schraubenmutter zu finden, die zu seinem Subaru passt. Wir klappern also alle Mechaniker und L├Ąden auf der Insel ab, aber sogar auf dem Schrottplatz werden wir nicht wirklich f├╝ndig. Ich find's gro├čartig.

Dieser Rarotonga-Aufenthalt ist sicherlich der ungew├Âhnlichste auf meiner bisherigen Reise. Rarotonga ist eine Flitterwocheninsel und total ├╝berteuert. Ich sehe wenigstens die andere Seite - das Leben der Einheimischen bleibt den Meisten sicherlich total verborgen und unbekannt. Und welcher Tourist bekommt schon den Schrottplatz von Rarotonga zu sehen? ­čÖé

bei Puna
auf dem Schrottplatz
eingewachsenes Moped

Irgendwann spendiere ich Doug eine Tankf├╝llung. "Der Tank war noch nie voll! :)" grinst er. Sp├Ąter denke ich mir, dass das eine bl├Âde Entscheidung war, die 40 Dollar h├Ątte er in der Hosentasche deutlich besser gebrauchen k├Ânnen. Und als der Tank halb leer ist, macht die Karre auch noch ganz schlapp. Jetzt steht der Wagen bei Puna und der Tankinhalt ist mehr Wert als das Auto.

Der Sternenhimmel ist grandios hier. Die Milchstra├če und Millionen Sterne. Und dann noch die beiden Krokodilsaugen - sie beobachten jeden unserer Schritte, bl├Âdeln wir stundenlang.

Irgendwann schleppt Doug eine neue Gitarre an. 50 Dollar hat er bezahlt. Der Kerl denkt einfach nicht an morgen. Er hat sich das Spielen selbst beigebracht und ist echt ganz gut dabei.

Hier noch ein paar Bilder zum Abschluss:

Papageienfische und eine Hummerkrabbe
Doug's Beach Place
ich krieg's nicht hin
bei Willi
Norman hat ein geniales Souvenir bekommen
Nuaraos Haus - ohne Dach, teilweise
Ziege mit Frisur ­čÖé
Tara und Doug und kleine Bananen
sch├Ân!
auch das l├Ąuft nicht gut - Kokosn├╝sse am Strand zur Selbstbedienung f├╝r 3$
Norman und Tara essen ...
... Guave
Flussm├╝ndung in Avarua
Die Berge von Raro sind immer im Hintergrund
Schnitzkunst
smoking coconut
Huhn braten im Feuer
Ich bin zum Feuerteufel mutiert - fast t├Ąglich. Gebratene Bananen f├╝r die Shakes
Dougs Nachbar ist nicht ganz richtig im Kopp und hat in einem Wutanfall sein eigenes Haus zerst├Ârt!
Lagune in Muri
Weizenbiertest bei Rarotongas Brauerei - Norman, Braumeister, ich
Lik├Ârtest - woanders
siamesische Dreierbanane
zweiter Samstag auf dem Markt
Kopfschmuck
Kopfschmuck
mit den T├Ąnzern
fauler Fischverk├Ąufer
zur├╝ck vom Markt - der Tisch ist auf dem Dach festgezurrt
Muri again
Doug hat 10kg H├╝hnerteile f├╝r schmale 27$ gekauft ...
... aber wirklich gut waren die nicht
Doug beim Karaoke
Vom Karaoke nehmen uns ein paar besoffene Neuseel├Ąnder mit zur├╝ck - das Auto ist ja nicht mehr fahrt├╝chtig
Teufelskrabbe
Seeigel
bad weather im Anmarsch
immer wieder Feuer machen
Inseloutfit
Muscheln!
Dougs Supershake
auf dem Markt
alles ist teuer hier - 1kg Champignons 22 Euro!!!
Abschied
Raro aus der Luft

Rarotonga war wirklich anders. Ohne Dougs Beach Place h├Ątte ich einen langweiligen Standardurlaub daraus machen m├╝ssen. Es gibt hier ja nicht wirklich viel zu unternehmen. In den 17 Tagen h├Ątte ich mich zu Tode gelangweilt. Aber so war alles einfach ungew├Âhnlich. Meine Fingern├Ągel waren erst ein paar Tage sp├Ąter wieder sauber, weil ich wegen dem Reparieren von Auto und Fahrr├Ądern und wegen dem Feuermachen st├Ąndig im Dreck gew├╝hlt habe.

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